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Wie ich als Energieberater eine Software mit 116.000 Zeilen gebaut habe

2026-03-23 Martin Schneeweiss ki softwareentwicklung bachelorarbeit photovoltaik

Ich bin Energieberater. Mein Job ist es, Menschen zu helfen ihre Häuser energieeffizienter zu machen und gute Entscheidungen bei Photovoltaik-Anlagen zu treffen. Programmieren habe ich nie gelernt. Trotzdem habe ich in den letzten 14 Monaten eine komplette Planungssoftware gebaut - und darüber meine Bachelorarbeit geschrieben.

Warum überhaupt?

In der Energieberatung gibt es zwei Wege: Entweder man kauft sich teure Spezialsoftware für mehrere hundert Euro im Jahr - oder man baut sich stundenlang Excel-Dateien zusammen, in denen sich nach ein paar Monaten niemand mehr auskennt. Ich kenne beides. Die Berechnungen konnte ich, das Fachwissen war da. Aber alles steckte in verschachtelten Tabellenblättern, die nur ich verstanden habe.

Ich wollte das anders: Ein Werkzeug das genau so funktioniert wie ich es in der Praxis brauche - Dachfläche analysieren, PV-Ertrag berechnen, Wirtschaftlichkeit bewerten - aber als richtige Anwendung im Browser, zugänglich und übersichtlich. Nicht als Excel-Monster.

Der holprige Start

Ende 2024 habe ich angefangen, mit Hilfe von KI eine Webanwendung zu bauen. Die ersten Monate waren zäh. Ich habe der KI beschrieben was ich will, sie hat mir Textbausteine geschickt, ich habe sie zusammengefügt. Bei einfachen Sachen ging das gut. Aber je größer das Projekt wurde, desto öfter hat es nicht mehr zusammengepasst.

Ein Beispiel: Ich wollte eine Horizontberechnung einbauen - also automatisch erkennen welche Berge oder Gebäude die Sonne verdecken. Wochen habe ich daran gearbeitet. Hin und her, Fehler über Fehler, am Ende hat es einfach nicht funktioniert.

Der Wendepunkt

Im September 2025 bin ich auf ein neues Werkzeug umgestiegen: einen KI-Agenten, der nicht nur Vorschläge macht, sondern selbständig arbeitet. Er sieht das gesamte Projekt, schreibt direkt in die Dateien, testet seine Änderungen und behebt Fehler eigenständig. Statt einer endlosen Kette aus Kopieren und Einfügen konnte ich einfach sagen was ich brauche - und es wurde umgesetzt.

Die gleiche Horizontberechnung, an der ich vorher wochenlang gescheitert bin? War in einer Woche fertig. Und nicht nur fertig - sie liefert nachweislich korrekte Ergebnisse, die ich gegen offizielle Referenzdaten geprüft habe.

Was am Ende dabei rauskam

Nach 14 Monaten steht Energie Schnee - eine vollwertige Webanwendung mit 116.000 Zeilen, die in der Praxis eingesetzt wird. Sie kann Dachflächen analysieren, PV-Erträge berechnen, Verschaltungspläne erstellen und die Wirtschaftlichkeit einer Anlage bewerten.

Ich habe die Ergebnisse gegen echte Messdaten von vier Anlagen in Österreich und Deutschland verglichen. Die Abweichung lag bei unter 4%. Drei unabhängige IT-Experten haben die Sicherheit geprüft und keine kritischen Schwachstellen gefunden.

Das Ganze hat mich 485 Euro an KI-Kosten gekostet. In der klassischen Softwareentwicklung wäre ein vergleichbares Projekt wirtschaftlich kaum darstellbar gewesen.

Was ich daraus gelernt habe

Die KI hat den Code geschrieben - aber das Fachwissen musste von mir kommen. Wenn ich nicht gewusst hätte wie eine PV-Anlage funktioniert, wie man Strahlungsdaten interpretiert oder was in der Energieberatung wirklich gebraucht wird, wäre die Software nutzlos. Die KI ist ein Werkzeug, kein Ersatz für Wissen. Aber es ist ein Werkzeug, das Menschen wie mir plötzlich Möglichkeiten eröffnet die vorher undenkbar waren.

Die Seerosen und die Zukunft

In meiner Bachelorarbeit verwende ich ein Bild das mir nicht mehr aus dem Kopf geht: Seerosen auf einem See, die sich jeden Tag verdoppeln. Nach 30 Tagen ist der See bedeckt. An Tag 20 sieht man fast nichts - nur 0,1% der Fläche. Und dann geht es plötzlich ganz schnell.

KI-Entwicklung folgt genau diesem Muster. Was 2023 noch kaum möglich war, ist heute Alltag. Und was heute noch aufwändig ist, wird in ein paar Jahren in einem Bruchteil der Zeit gehen. Die Frage ist nicht mehr ob Leute ohne IT-Hintergrund Software bauen können. Die Frage ist, wie schnell sich das verbreitet - und wie wir sicherstellen, dass die Qualität stimmt.

Was ich in 14 Monaten geschafft habe, war für mich ein Wendepunkt. Ich baue mittlerweile nicht nur PV-Software, sondern auch Vereinsverwaltungssysteme, betreibe eigene Server und experimentiere mit lokalen KI-Modellen und Sprachagenten. Nicht weil ich plötzlich Programmierer geworden bin - sondern weil die Werkzeuge so gut geworden sind, dass das Fachwissen der entscheidende Faktor ist, nicht die Programmiersprache.